Es gibt einen Text, der seit über zweitausend Jahren den Namen Hippokrates trägt, den Ärzte weltweit noch heute in abgewandelter Form ablegen, und den der historische Hippokrates mit einiger Wahrscheinlichkeit nie geschrieben hat. Der Eid gehört zum Corpus Hippocraticum, einer über Jahrhunderte gewachsenen Sammlung von rund sechzig Schriften unbekannter Verfasser. Das ist keine Enttäuschung, sondern der Ausgangspunkt der eigentlichen Frage: Was bleibt von einem Mann, dessen Werk wir kaum kennen und dessen Wirkung wir dennoch genau beschreiben können?
Dieses Buch trennt Legende von Beleg: die wenigen gesicherten Fakten über den Arzt von Kos, die Autorschaftsfrage des Corpus Hippocraticum, die Vier-Säfte-Lehre als historisches, über zwei Jahrtausende wirkmächtiges Erklärungsmodell, die genaue Beobachtung am Krankenbett als Kern der antiken Heilkunst. Im Zentrum steht die eigentliche Wende, um die sich alles dreht: die Schrift Über die heilige Krankheit, die Epilepsie als natürliche und nicht als göttliche Krankheit erklärt und damit das Kranksein erstmals aus der Ordnung der Natur statt aus dem Zorn der Götter deutet.
Ausgewogen zwischen mythischer Verklärung und der Verhöhnung antiker Medizin als bloß primitiv gezeichnet, verfolgt das Buch, wie aus einem kaum greifbaren Namen über Galen, die arabische Überlieferung und das lateinische Mittelalter das Synonym der Heilkunst selbst wurde. Ein klar geschriebenes, quellengestütztes Porträt darüber, was von Hippokrates wirklich bleibt und was ihm erst später zugeschrieben wurde.